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  • Niemand hat mit Beethoven gefrühstückt

    19.03.2019

    Rudolf Buchbinder über die Unsterblichkeit Beethovens, das Zusammenspiel mit Orchestern ohne Dirigent und die Akustik der Tonhalle:

    2020 – das Jahr von Beethovens 250. Geburtstag ist „Ihr“ Jahr. Allerorts wird man Sie fragen, Beethovens Sonaten und Klavierkonzerte zu spielen, so auch wir von Heinersdorff. Haben Sie mal einen Moment mit dem Gedanken gespielt, gerade nicht das zu spielen, was man von Ihnen erwartet? Einfach gegen den Strom zu schwimmen und Rachmaninow zu spielen?

    Ich muss ehrlich sagen, ich spiele Beethoven – ob es jetzt ein Beethoven-Jahr ist oder nicht. Beethoven begleitet mich mein ganzes Leben – und das heißt nicht, dass ich nur Beethoven spiele. Mein Repertoire reicht von Bach bis zur zeitgenössischen Musik – es wurden sehr viele Werke für mich geschrieben, Klavierkonzerte, Solostücke. Aber es ist keine Frage, dass Beethoven ein zentraler Punkt, nicht nur in meinem Repertoire, sondern vielleicht sogar in meinem Leben ist. Der Mensch hat mich immer fasziniert.

    Fühlen Sie sich Beethoven von allen Komponisten besonders nah?

    Oskar Werner hat einen fantastischen Satz gesagt: „Beethoven reicht manchmal in den Himmel. Mozart kommt von dort.“ Wenn man die Klavierkonzerte von Mozart mit den Klaviersonaten von Beethoven vergleicht, dann ergibt es eine Parallele – dass dieses gesamte Oeuvre den Mensch ein Leben lang begleitet. Beethoven von op. 2 bis op. 111 und Mozart von KV 37 bis KV 595. Wobei, man darf eines nicht vergessen: Der Unterschied zwischen Mozart und Beethoven ist der, dass Mozart ja ein ziemlich eitler Tropf war. Er hat die Klavierkonzerte für sich geschrieben, deswegen sind sie auch so großartig, denn er wollte damit brillieren. Er ist ja eigentlich ein Show-off gewesen. In jedem Fall war das sein Repertoire, das er für sich komponiert hat. Beethoven hat die Klaviersonaten meistens gewidmet – viele seiner Sonaten sind ja seinen Liebschaften zugeeignet und natürlich seinem besten Freund Erzherzog Rudolf.
    Ich spiele aber auch die beiden Brahms-Konzerte immer wieder und es gibt andere Komponisten, die mich genauso interessieren, aber das Gesamtoeuvre von Beethoven ist schon faszinierend.

    Würden Sie denn sagen, Sie entdecken Beethoven immer wieder neu oder liegt das Faszinierende gerade in der Wiederholung, im „Ritual“?

    Man entdeckt immer wieder etwas Neues. Das ist keine Frage. Ich arbeite mit sehr vielen Ausgaben, mit Erstausgaben auch. Ich studiere die Faksimiles, soweit sie vorhanden sind, leider gibt es nur von einem Bruchteil seiner Werke das Autograph, von seinen 32 Sonaten nur von 12 1/2. Alle anderen sind verschollen oder Beethoven hat das Wurstbrot darin eingepackt oder Ähnliches, es passieren ja die kuriosesten Dinge mit den Manuskripten…

    Und da schauen Sie auch immer mal wieder rein?

    Absolut! Und meine Interpretation ändert sich auch. Ich werde nie vergessen: Joachim Kaiser hat mich überredet, die Sonaten seinerzeit nach 30 Jahren wieder neu aufzunehmen. Damals sagte er zu mir: „Jetzt musst du sie spielen, weil jetzt bist du frei.“ Das ist es, was sich ändert im Laufe des Lebens: Man ist als junger Mensch absolut intolerant und überhaupt nicht flexibel. Man ist ganz stur nach Vorschrift. Und je älter man wird, desto freier wird man, desto mehr rubato spielt man. Und durch das Wissen ist eine automatische Bremse im Hinterkopf, wie weit man mit einem Rubato gehen kann.
    Wissen Sie, eines der wichtigsten Beethoven-Bücher ist für mich von Carl Czerny „Über die Interpretation der Klavierwerke von Beethoven“. Ein faszinierendes Büchlein, und da schreibt er z.B., dass Beethoven bei einem Satz von op. 90 das Tempo 7–8mal wechselte innerhalb des Satzes. Das sind Dinge, die wir uns heute gar nicht trauen.
    Und noch etwas, was mich bei Beethoven fasziniert: Für mich ist er der romantischste Komponist überhaupt. Dieser Ausdruck „Wiener Klassik“ ist der größte Blödsinn. Und ja erst 100 Jahre, nachdem die drei armen Teufel schon tot waren, erfunden worden. Die haben ja nicht gewusst, dass sie Wiener Klassiker waren… Oder Bach – der war genauso ein Romantiker wie Tschaikowsky oder Beethoven. Beethoven war übrigens der einzige Komponist in der Musikgeschichte, der nach einem „espressivo“ „a tempo“ schreibt. Das muss man sich einmal vorstellen: Man schreibt doch „a tempo“ nur nach einem „riterdando“ oder nach einem „accelerando“. D.h. das „espressivo“ war bei Beethoven nicht im Tempo, sondern er überlässt diesen Gefühlsausbruch ganz und gar dem Interpreten. Ob langsamer oder schneller – er lässt die Freiheit.

    Was hat Beethoven uns im 21. Jahrhundert noch zu sagen?

    Da gibt es verschiedene Gesichtspunkte: Warum ist Musik unsterblich? Warum wird es immer wieder Musik geben von diesen alten Meistern? Weil es keine authentische Interpretation gibt. Niemand hat mit Beethoven gefrühstückt. Sie können die fünfte Sinfonie von Beethoven von zehn großen Dirigenten hören. Sie ist zehnmal faszinierend, aber wer weiß, was die richtige Interpretation ist. Gottseidank weiß man das nicht!
    Und speziell Beethoven war ein Revolutionär. Mit seinen letzten Werken hat er sein eigenes Publikum vertrieben. Die haben sich alle dem Rossini zugewandt. Wobei Beethoven ein großer Rossini-Verehrer war. Aber die letzten Quartette waren natürlich für das damalige Publikum ein Schock. Und sind es heute noch.
    Er wird immer modern bleiben. Und auch ein Brahms und ein Mozart und wie sie alle heißen, die großen Genies, die uns so viel Musik geschenkt haben.

    Alle fünf Klavierkonzerte stehen an zwei Abenden in Düsseldorf auf dem Programm (15.1./16.1.2020). Wie bereitet man sich physisch auf solche Zyklen vor? Muss man ein Ausdauertraining betreiben?

    Also, ich verstehe das nicht: Wenn ich sage, ich spiele die beiden Brahms-Konzerte an einem Abend, sagen die Leute: „Was? So ein Marathon!“ Obwohl das Wort Marathon mit Musik nichts zu tun hat. Dabei ist es ja viel anstrengender, wenn ich einen Klavierabend gebe, ganz allein. Da habe ich nicht einmal ein „Tutti“ dazwischen, wo ich mich ein bisschen ausruhen kann, wo das Orchester spielt. Beim Klavierabend muss ich ununterbrochen ohne Pause spielen.

    Also entspannt es die Lage auf der Bühne, wenn man mit einem Orchester zusammenspielt?

    Es ist eine große Kammermusik. Und ohne Dirigent zu spielen umso mehr. Ich habe das jetzt ungefähr 500 Mal gemacht in meinem Leben – und auf der ganzen Welt sind die Orchester im Grunde schon nach der ersten Probe begeistert. Warum? Weil bis zum letzten Pult, plötzlich jeder Musiker eine Verantwortung hat. Es ist ein großes gemeinsames Musizieren. Sie müssen plötzlich zuhören: Was macht die Klarinette? Was macht die Oboe? Da gibt es keinen Taktschläger, keinen Dirigenten vorne, auf den sie sich verlassen und nach dem sie spielen. Also ist die Konzentration wesentlich größer.



    Ist „Play & Conduct“ die bessere Variante für Sie bei den Beethoven-Konzerten?

    Man kann es nicht vergleichen. Ich liebe es, mit einem Dirigenten zu spielen. Schauen Sie, das kann ich Ihnen verraten, ich mache in Wien kommende Saison meinen eigenen Zyklus mit den 5 Klavierkonzerten. Da spiele ich das erste mit Andris Nelsons und dem Gewandhausorchester, das zweite mit Mariss Jansons und dem Bayerischen Rundfunk, das dritte mit Gergiev und den Münchner Philharmonikern, das vierte mit Thielemann und der Dresdner Staatskapelle und das fünfte mit Riccardo Muti und den Wiener Philharmonikern.
    Das sind natürlich Partner, man muss sich die Bälle zuschubsen können – ich will ja nicht begleitet werden. Ich habe auch noch nie einen Sänger begleitet. Ich begleite meine Frau ins Restaurant, das verstehe ich unter begleiten.

    Macht es einen Unterschied, ob Sie so einen Zyklus bei sich in Wien oder Grafenegg spielen oder nun bei uns in der Tonhalle Düsseldorf?

    Den Zyklus habe ich in Tokio genauso gemacht wie in Beijing oder in Moskau. In Petersburg auch und in vielen anderen Städten, aber die Herausforderung ist immer dieselbe.

    Verbinden Sie etwas mit der Tonhalle in Düsseldorf?

    Ich bin gerne in Düsseldorf. Viele schimpfen auf die Tonhalle, das ist ja nix Neues, aber ich finde, dass man doch einiges getan hat, um die Akustik zu verbessern. Also mir gefällt die Atmosphäre in der Tonhalle sehr gut.

    Und ganz zum Schluss: Haben Sie ein Lieblingskonzert?

    Das ist eine Frage, die ich nicht beantworten kann. Wenn ich eines hätte, dürfte ich die anderen nicht spielen. Das ist mein Problem – also, ich muss alle lieben und ich liebe sie auch. Beethoven hat in allen seinen Konzerten einen Humor, er hat einen Swing. Das waren ja die Pop-Komponisten der damaligen Zeit, das darf man nicht vergessen!

    Wir freuen uns sehr auf die Konzerte im Januar 2020 mit Ihnen.

    Ich auch!




    Das Interview führte Anna-Kristina Laue

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