Tiefgründig und eigenwillig
Die Pianistin Hélène Grimaud im Porträt

Wer sie am Klavier erlebt, ist unweigerlich fasziniert: Hélène Grimaud spielt leidenschaftlich und zart, facettenreich, poetisch. Sie ist eine Meisterin des Rubato und der Phrasierung. Sie musiziert körperlich, atmet durch Musik, kultiviert Ekstase in Tönen.
Woher kommt diese Intensität ihres Spiels? Die französische Pianistin bezeichnete sich einmal als „emotional sponge“; sie ist äußerst sensibel, saugt alles um sich herum auf, gibt diese Eindrücke und Energie dann beim Musizieren wieder an ihr Publikum zurück. „Ein Konzert muss ein emotionales Ereignis sein, sonst braucht man es nicht“, sagt sie.
„But then music came along“
Schon als Kind war Hélène anders. Sie litt an ADHS – oder, wie sie es nennt, einem „surplus of energy“. Ihre Eltern ließen sie diverse Sportarten ausprobieren, um den Energieüberschuss in kontrollierte Bahnen zu lenken. Ohne Erfolg. „But then music came along“: Hélène entdeckte das Klavierspiel für sich und wurde mit dreizehn Jahren am Pariser Konservatorium aufgenommen. Dort war sie bald für ihren eigenen Kopf und ihre Sturheit berüchtigt. Doch ihr Studium schloss die eigenwillige junge Pianistin mit einem ersten Preis ab, und ihre erste Platte mit dem zweiten Klavierkonzert von Sergej Rachmaninow wurde prompt ausgezeichnet. Wenig später lud Daniel Barenboim sie zur Zusammenarbeit mit dem Orchestre de Paris ein: Hélène Grimaud machte sich in Frankreichs Kulturszene einen Namen.
Heute hat die Ausnahmepianistin ihren Platz gefunden: Sie wird weltweit geschätzt und mit Preisen gewürdigt, arbeitet mit den international größten Orchestern und Kunstschaffenden zusammen und ist in allen Konzertsälen der Welt willkommen.
Was die Leute über sie denken, interessiert Hélène Grimaud nicht, auch Äußerlichkeiten bedeuten ihr nichts. Treffend bringt es der Titel der Dokumentation auf den Punkt, die 2023 über die Künstlerin erschien – Between the Notes. Wichtig ist nur, was sich zwischen den Noten befindet, hinter dem Klang, tief unter der Oberfläche. Ist diese Einstellung radikal? Möglich. Ist sie unangepasst, unbeirrbar, unnachgiebig, unbequem? Ja. Und genau das ist es, was Hélène Grimaud so unverwechselbar macht.


